Stadtkreise und Quartiere

Brühlberg-Quartier

Zwei geschwungene Strassen (Anton-Graff-Strasse und Brühlbergstrasse) erschliessen die gediegene Wohnlage am ehemaligen Rebhang des Brühlbergs. Das Quartier ist ein starker Bestandteil der Gartenstadt Winterthur.


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1902: Erste Projektstudie für die Überbauung Brühlberg Foto: winbib (Signatur 061369_O)

Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert waren die Abhänge des Brühlbergs gegen Osten und Süden mit Reben bewachsen. Dann begann die Entwicklung des Quartiers, das ein grosser und schöner Teil der Gartenstadt Winterthur werden sollte. In der Talsohle hatten sich zuvor bereits das Fabrikareal der Firma Sulzer und SLM, sowie Wohnhäuser mit Arbeiterwohnungen ausgebreitet. Alexander Isler (1854-1932) war Stadtrat und Bauherr zugleich. Er sah dieses landwirtschaftlich genutzte Hanggebiet am Brühlberg als ideales Baugebiet für das wachsende Winterthur.

„Breite“ und „Brühl“ gehörten zum Salland, dem Herrengut in einer alemannischen Siedlung. Die „Breite“ war das Ackerland, der „Brühl“ das Wiesland.

Am „Brühl“ entstanden seit 1770 die ersten Landhäuser ausserhalb der Stadt, das „obere“, mittlere“ und „untere Brühl“. Auch das Brühlgut hatte als einfaches Landgut bereits 1793 bestanden. Im Mai 1823 kaufte Franz Thellung das Landgut "Im Brühl" von Heinrich Escher-Zollikofer (1776-1853), Vater von Alfred Escher (1819-1882), der es nur ein Jahr zuvor von Johannes Geilinger erworben hatte.

1858 erwarb Heinrich Rieter-Fenner, Mitbesitzer der kurz zuvor im alten Kloster Töss stark erweiterten Maschinenfabrik, das Brühlgut und liess einen Neubau mit Ökonomiegebäude und ein Gärtnerhaus erstellen. In den 1980er-Jahren wichen die alten Gebäulichkeiten den Neubauten für ein Alters und Invalidenzentrum.

Einen ersten Akzent für eine Überbauung dieser Rebhänge versuchte Architekt Walter Hoffmann zu setzen. Er baute 1893 an der Schlosshofstrasse 26, direkt hinter dem ehemaligen Gaswerk, ein Mehrfamilienhaus mit Treppenturm und einer verglasten Aussichtsterrasse. Daneben entstand zehn Jahre später durch Heinrich Leemann vom gleichnamigen Baugeschäft ein Wohnhaus in gelbem Sichtbackstein. Es zeichnet sich aus durch eine horizontale Fassadengliederung mit umlaufenden Bändern in rotem Backstein. Obwohl sich die Stadt nach der Jahrhundertwende in alle Richtungen zu entwickeln begann, war der Wohnraum grosse Mangelware. Davon waren nicht nur die Arbeiterschaft sondern auch das Bürgertum betroffen. Am 30. Juni 1900 wurde die Genossenschaft «Eigenheim am Brühlberg» gegründet.

Für den Bau von kleineren Villen und Ein- und Zweifamilienhäusern wählte sie den Brühlberghang aus. Sie zogen dazu den renommierten Architekten Jacques Gros (1858-1922) bei. Der Erbauer des Grand Hotel Dolder in Zürich schaffte aber in Winterthur den grossen Durchbruch nicht. Er erstellte zwar einen ersten Überbauungsplan, konnte aber in der Folge nur ein paar Einzelbauten errichten. Es sind unter anderen die beiden Häuser Brühlbergstrasse 99 und 101, die heute unter kommunalem Denkmalschutz stehen. Sie wurden 1903 und 1905 gebaut. Den definitven Impuls zur Erschliessung gab der Bau des Wohlfahrtshauses der SLM 1902. Mit dem Bau der Brühlbergstrasse um dieses Haus herum entstand das Tor zum Brühlberg. Es waren die aktiven Vorstandsmitglieder der Genossenschaft «Eigenheim am Brühlberg», die die Erschliessung und die Überbauung des Brühlberghanges vorantrieben. Präsident war ab 1904 Johann Jakob Müller-Zeller, Inhaber des «Bühlhofs» an der Steinberggasse und 1913 Gründungsmitglied des Winterthurer Hauseigentümerverbandes. Als Aktuar amtete Baumeister Johann Niklaus Häring und als Beisitzer gehörte dem Vorstand auch Architekt Walter Furrer an. Sie kauften Reb- und Wiesland und ab 1904 wurde gebaut. Die bekannten Architekten Fritschi & Zangerl, Rittmeyer & Furrer und Jaques Gros gaben auf der linken Strassenseite mit markanten Bauten ihre Visitenkarten ab. Im oberen Bereich (Hang abwärts) ging es auch etwas bescheidener weiter, aber deswegen nicht minder gut und schön.

Das Haus «Schwalbe» an der Brühlbergstrasse 54 setzt hier ein Zeichen. Auch dieses Haus haben die Architekten Rittmeyer & Furrer im Reform-Stil entworfen und gebaut. Es wurde auf verschnörkelnde Fassaden verzichtet und ein Bezug zu Natur und Garten angestrebt. Gartenstadt und Reformarchitektur Ein Text von Peter Niederhäuser in der Broschüre «Von der Industrie- zur Gartenstadt; Das Brühlbergquartier» beschreibt das Gartenstadt-Quartier wie folgt: «Mit der geschwungenen, dem Hang angepassten Strassenführung, den grosszügigen Gartenanlagen und den mehr oder weniger kunstvollen Einzelhäusern begann das Brühlbergquartier in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ein besonderes Ambiente zu erhalten; daran erinnerte auch die Benennung der Häuser nach Bergen oder Pflanzen. Anstelle der Rebberge und Wiesen war ein gutbürgerliches Wohnviertel im Entstehen, das den Charakter des Hanges völlig veränderte. War diese erste Etappe von «Spekulanten» ohne städtebauliche Absichten getragen, so änderten sich schon bald Ziele und Trägerschaft. 1910 entstand nämlich die «Genossenschaft Gartenstadt Winterthur», die von namhaften Winterthurer Einwohnern initiiert wurde und gleichermassen architektonische wie gesellschaftspolitische Absichten verfolgte.

Die wohl prägendste Kraft hinter dieser neuen Orientierung war Alexander Isler (1854-1932). Er war Lehrer, gehörte von 1897 bis 1919 dem Stadtrat an und leitete das Bauamt. Als Politiker, Gewerbevertreter, Historiker und Freimaurer, leitete der vielseitig interessierte und engagierte Isler in Winterthur eine grundsätzliche Neu-Ausrichtung der Stadtplanung ein. 1909 legte er mit den «Vorschriften über die Bebauung der äusseren Quartiere» die erste Zonenordnung der Schweiz vor. Diese sah für die vom Stadtzentrum weiter entfernt liegenden Wohngebiete kleinere Häuser für Familien vor. Mit der Idee einer offenen, durchgrünten Bauweise propagierte Isler gleichzeitig das Ideal einer Gartenstadt, das von England her den Kontinent eroberte und sich gleichermassen gegen ungesunde Wohnverhältnisse wie gegen die Bodenspekulation richtete.

Licht, Luft und Sonne (sowie Natur) waren jene Schlagworte, die zu einer Reformbewegung passten, welche Alltag und Arbeit in eine neue, «natürliche» Balance bringen wollte. Der Wunsch nach Einfamilienhäusern mit Gärten und die Suche nach einer städtebaulich übergreifenden Form der Planung fassten in Winterthur erstmals am Brühlberg Fuss. Sie waren aber Teil einer wohnbau-politischen Diskussion, die letztlich auch die Frage nach einer städtischen Wohnpolitik aufwarf.» Am 28. Oktober 1910 wurde nochmals eine Baugenossenschaft, die «Baugenossenschaft Gartenstadt Winterthur», gegründet. Den Initianten gehörten wiederum verschiedene Persönlichkeiten der Stadt an.

Es wirkten mit: Stadtrat Alexander Isler, Rechtsanwalt Ernst Jung, Pfarrer Johannes Ninck, die Architekten Rittmeyer & Furrer und Lehrer Jakob Spalinger. Zum Präsidenten wurde Textilindustrieller und Kunstsammler Richard Bühler. Auch in der Liste der Genossenschafter waren prominente Namen zu finden: Schlossermeister Gottlieb Geilinger, Baumeister Julius Lerch-Weber und Arzt und Kunstsammler Arthur Hahnloser. Alle bekundeten damit ihr Interesse, gute Wohnbauten in einfacher und natürlicher Architektur erstehen zu lassen. Sie übernahmen den angefangenen Grundraster den die «Genossenschaft Gartenstadt» vorgegeben hatte. Ab 1911 entstanden die Anton-Graff-Strasse und die Mythenstrasse. Es wurde nicht nur gebaut, sondern es wurden auch kleine Platzanlagen und Aussichtpunkte angelegt.

So liess auch Kaufmann Werner Reinhart eine öffentliche Anlage mit Spielplatz erstellen und schenkte das Areal 1924 der Stadt. Eine Auflage bestimmt, dass dieses Landstück für immer erhalten werden muss und niemals überbaut werden darf. Zusammen mit dem Landwirtschaftsland oberhalb der Überbauungen bis zum Wald (Hof Gütsch oder Waldhof) konnte auch auf diese Art und Weise, nebst den vielen Gartenanlagen, sehr viel Grün erhalten werden. Zum Abschluss zitieren wir nochmals Peter Niederhäuser aus dem Epilog seiner Publikation «Das Brühlbergquartier»:

«Wohnhäuser neuern Stils», die «lebhaft im Kontrast stehen zu der nüchtern Bauweise der Mietkasernen» — der Eintrag im Geographischen Lexikon der Schweiz von 1910 charakterisierte den Wandel am Brühlberg treffend. Allerdings standen hier weniger die eher seltenen Winterthurer Mietskasernen als andere grossstädtische Vergleichsbeispiele vor Augen. Während die praktisch gleichzeitige Entwicklung am gegenüberliegenden Vogelsang durch eine Arbeitergenossenschaft angestossen wurde, entwickelte sich der Brühlberg zu einer Gartenstadt der bürgerlichen Kreise von Winterthur. Die Gliederung des Areals durch geschwungene, der Topografie angepasste Strassen und Plätze, die Betonung der Gartenlandschaft und — damit verbunden — eine grosszügige Parzellierung prägten beide Überbauungen.

Der Unterschied lag vielmehr in der Art und Weise der genossenschaftlichen Bauten. Am Brühlberg lässt sich beinahe exemplarisch den Wandel der Baukultur von den verspielten Historismusvillen über die geschlossenere Architektur im Heimatstil bis zu Reihenhäusern der neuen Sachlichkeit verfolgen. Obwohl sich der Prozess der Erschliessung über Jahre hinzog und obwohl unterschiedliche Bauherren unterschiedliche Typologien einsetzten, entwickelte sich der Brühlberg zu einem erstaunlich geschlossenen und homogenen Quartier, wo privater und öffentlicher Raum nahtlos zu einer Gartenstadt ineinander übergehen.»

Der Glossar-Artikel basiert auf der Publikation «Das Brühlberg-Quartier» von Peter Niederhäuser. Das Büchlein ist erhältlich in der Obergass Bücherei.

um 1901: Brühlbergstrasse 99, Architektenentwurf Foto:
Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert waren die Abhänge des Brühlbergs gegen Osten und Süden mit Reben bewachsen. Dann begann die Entwicklung des Quartiers, das ein grosser und schöner Teil der Gartenstadt Winterthur werden sollte. In der Talsohle hatten sich zuvor bereits das Fabrikareal der Firma Sulzer und SLM, sowie Wohnhäuser mit Arbeiterwohnungen ausgebreitet. Alexander Isler (1854-1932) war Stadtrat und Bauherr zugleich. Er sah dieses landwirtschaftlich genutzte Hanggebiet am Brühlberg als ideales Baugebiet für das wachsende Winterthur.

„Breite“ und „Brühl“ gehörten zum Salland, dem Herrengut in einer alemannischen Siedlung. Die „Breite“ war das Ackerland, der „Brühl“ das Wiesland.

Am „Brühl“ entstanden seit 1770 die ersten Landhäuser ausserhalb der Stadt, das „obere“, mittlere“ und „untere Brühl“. Auch das Brühlgut hatte als einfaches Landgut bereits 1793 bestanden. Im Mai 1823 kaufte Franz Thellung das Landgut "Im Brühl" von Heinrich Escher-Zollikofer (1776-1853), Vater von Alfred Escher (1819-1882), der es nur ein Jahr zuvor von Johannes Geilinger erworben hatte.

1858 erwarb Heinrich Rieter-Fenner, Mitbesitzer der kurz zuvor im alten Kloster Töss stark erweiterten Maschinenfabrik, das Brühlgut und liess einen Neubau mit Ökonomiegebäude und ein Gärtnerhaus erstellen. In den 1980er-Jahren wichen die alten Gebäulichkeiten den Neubauten für ein Alters und Invalidenzentrum.

Bibliografie


Autor/In:
Heinz Bächinger
Unredigierte Version
Letzte
Bearbeitung:
10.02.2023